Geschichte der sowjetischen Truppen in Halberstadt



 1. Vorwort und Einleitung

   Halberstadt bietet für einen Militärhistoriker genügend Stoff, um zahlreiche Seiten über die Militärgeschichte dieser Stadt niederzuschreiben. Zwar ist das bisher zum größten Teil geschehen, aber ein zeitlicher Abschnitt wurde dabei etwas vernachlässigt. Es ist jener Abschnitt, der sich etwa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts abspielte.
   Fast 50 Jahre lang war Halberstadt Garnison für Einheiten und Truppenteile der Grenzpolizei, Grenztruppen der DDR, Nationaler Volksarmee und der sowjetischen bzw. später russischen Streitkräfte. Dieser historische Abschnitt Halberstadts begann 1945, nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs und endete 1993 mit dem Abzug der letzen russischen Soldaten aus Halberstadt.
   Es ist auch jener Abschnitt, der ohne Kriegstagebücher oder Feldpostbriefe von der Front auskommt, was die Quellenlage nicht unbedingt einfacher gestaltet, denn es war auch eine Phase ohne (heißen) Krieg.
   Im Folgenden soll nun ein lokal begrenzter Raum Halberstadts militärhistorisch dokumentiert werden, nämlich die Fliegerhorstkaserne und das sie ummittelbar umgebende Areal. Wie schon angedeutet, soll dabei der Schwerpunkt bei den sowjetischen Streitkräften liegen, welche die Fliegerhorstkaserne für lange Zeit als Standort.
   Schon vorab sei gesagt, dass für diese Darstellung kein Anspruch auf absolute Richtigkeit erhoben werden kann, weder vom Leser noch vom Verfasser. Es heißt: "Geschichte wird erst 100 Jahre später geschrieben.". Nun - diese Zeit ist noch lange nicht rum, aber da ich die von mir beschriebene Zeit nicht bewusst miterlebt habe, traue ich mir zumindest ein gesundes Mindestmaß an Objektivität zu, das es mir erlaubt, diese Zeit unter den Aspekten der Militärgeschichte zu beschreiben.    Goony 2008

2. Vorkriegsphase

Die Geschichte des Halberstädter Fliegerhorsts begann bereits 1911. Damals diente der Flugplatz dem "1. Deutschen Rundflug" als Etappenort. 1913 siedelten sich die Halberstädter Flugzeugwerke an und produzierten fortan Doppeldecker. Auch eine Militär-Fliegerschule befand sich nun auf dem Fliegerhorst.
   Nach dem 1. Weltkrieg und bedingt durch die Beschlüsse des Versailler Vertrags kam es zur Demontage und so zur Auflösung der Flugzeugwerke als auch der Schulungseinrichtungen. Abgesehen von Segelflugaktivitäten verlor der Flugplatz an Bedeutung.
   Im November 1934, also fast zwei Jahre nach der Ernennung Hitlers zum deutschen Reichskanzler, wurden im Fliegerhorst Halberstadt Orter- und Luftbilderlehrgänge veranstaltet, die im Sinne des Versailler Vertrags illegal waren, da sie im Zusammenhang zur geheimen Aufrüstung der deutschen Luftwaffe standen.
   1935 beschloss man, die allgemeine Wehrpflicht in Deutschland wieder einzuführen. So entschied man sich, den Halberstädter Fliegerhorst unter modernen Gesichtspunkten auszubauen und die Kasernierung für Truppen der Luftwaffe zu gewährleisten. 1935 begann schließlich der Bau der so genannten "Fliegerhorstkaserne" nördlich des schon existierenden Rollfeldes.
   Die meisten Gebäude waren zweigeschossig und stabil gebaut. Letztlich dienten die den russischen Truppen bis 1993 als Unterkunft - fast 60 Jahre nach ihrer Erbauung.
   Der Baustil lässt sich in unzähligen Fliegerhorsten wieder finden, die zu dieser Zeit entstanden. Nahe der Wache befanden sich Stabs-, Kommandantur-, Schulungs- und Verwaltungseinrichtungen. Um den großen Appellplatz herum wurden die Unterkunftsgebäude der Soldaten angelegt. Im südöstlichen Teil befand sich der kraftfahrzeugtechnische Teil mit Garagen und Werkstätten. Im Osten des Objekts lagen das Kasinogebäude sowie die Wohnung des Fliegerhorstkommandanten.
   Südlich des unbefestigten Rollfeldes lag die technische Sicherstellung des Fliegerhorsts mit Werkstätten und Wartungshallen (Hangars) für Flugzeuge. An der Waldgrenze und zum Teil auch im Wald wurden mittelgroße Baracken errichtet. Sie dienten sicherlich dem diensthabenden (fliegenden) Personal als Unterkunft, Gefechtsstand oder einfach als Aufenthaltsräume.
   Weiter außerhalb lagen Dezentralisierungsplätze und ein Munitionslager. Im west-südwestlich gelegenen Wald errichtete man einen Schießstand, der später durch die Grenztruppen der DDR weiter genutzt worden war.
   Während der Zeitphase zwischen 1935 und 1945 wechselten die Einheiten und Truppenteile häufig. Auch bedingt durch den Krieg zogen verschiedenste Ausbildungseinheiten und kämpfende Einheiten der Luftwaffe und Fallschirmjäger unter. Genauere Informationen zur Geschichte des Fliegerhorsts bis 1945 lassen sich aus dem Heft "Die Luftwaffengarnison Halberstadt 1935 - 1945" von Werner Hartmann entnehmen.
   Am 11. April 1945 erreichten US-amerikanische Einheiten Halberstadt und besetzten auch den Fliegerhorst. Schon im Jahr davor wurde der Fliegerhorst Halberstadt durch Bombenangriffe beschädigt, was im Kapitel "Kriegsschäden und Reparation" näher beschrieben wird.
   Nach dem Abzug der Amerikaner begann eine neue Zeitperiode - die der sowjetischen Besatzung.

4. Nutzung durch Grenzpolizei und Landesverwaltungsschule - Standort der Grenztruppen

Eine Truppenteil der Grenzpolizei (später Regiment) sowie eine Landesverwaltungsschule der SED waren die wohl ersten deutschen Institutionen, die neben sowjetischen Truppen die Fliegerhorstkaserne nachnutzten. Dies ist dem Umstand zu verdanken, dass der Nordteil des Flugplatzes nahezu unbeschädigt blieb (siehe Kapitel "Kriegsschäden und Reparation").
   Vermutlich nutzte die Grenzpolizei (gegr. am 01.12.1946) den nordwestlichen Teil der Fliegerhorstkaserne, der später dem Grenzregiment 20 "Martin Schwantes" als Kaserne diente. Genaue Angaben über Truppenstärke und -struktur bleiben aus, da hier nur spärliche Informationen vorhanden sind. Es wird aber ein Regiment der Grenzpolizei vermutet. Verschiedene Aussagen weisen darauf hin.
   Zu erwähnen wäre noch, dass die Grenzüberwachung bis 1948 zusammen mit sowjetischen (vermtl. Grenz-)Einheiten stattfand, die ebenfalls in der Fliegerhorstkaserne stationiert waren.
   Ebenso lag eine Landesverwaltungsschule der SED im Objekt. Wie der Name es schon verrät, wurden hier zukünftige Kader für die Verwaltung der erst neu gegründeten DDR ausgebildet. Die Landesverwaltungsschule nutze vermutlich knapp ein Dutzend Gebäude, darunter die ehemaligen Unterkunftsblöcke, das ehemalige Kasinogebäude und weitere Gebäude. Wie im Kapitel "Kriegsschäden und Reparation" bereits erwähnt wurde, sind hierfür Bauskizzen gefunden worden, welche die notwendigen Um- und Ausbaumaßnahmen dokumentieren. Die Planungen gehen bis auf da Jahr 1949 zurück. Die letzen Bauskizzen konnten auf 1953 datiert werden.
   Anfang Juli 1954 wurde die Landesverwaltungsschule nach Staßfurt verlegt. Ein Grund für den Umzug wird dürfte wohl die sowjetischen Nachbarn gewesen sein. Der Raumbedarf der Militärs wuchs an und so musste sich die Landesverwaltungsschule dem Willen der sowjetischen Führung aller Wahrscheinlichkeit nach fügen. Vielleicht wurde aber einfach von deutscher Seite ein Umzug der Schule angeordert. Da die Landesverwaltungsschule den größten Teil der ehemaligen Kaserne nutzte - wohl bis zu 12 Gebäude - und es bis 1953 Umbauplanungen gab, erscheint es jedoch als unlogisch, dass dieser Umzug aus eigenem Wille stattfand.
   Das Regiment der Grenzpolizei hingegen verblieb bis zur Auflösung der Grenztruppen der DDR 1990. Später lag dort das Grenzregiment 20 "Martin Schwantes" (GR-20) sowie weitere, dem GR-20 direkt unterstellte Einheiten.

5. Volksaufstand 1953

Noch bevor der nächste Zeitabschnitt dargestellt wird, wird ein markantes Ereignis der DDR-Geschichte eingeschoben.
   Der 17. Juni 1953 schrieb zweierlei Geschichte: Zu DDR-Zeiten war vom "faschistischen Putschversuch", von der "Konterrevolution" und vielem mehr die Rede. Heute bezeichnet man den 17. Juni als Arbeiter- oder Volksaufstand.
   Vielen sind wohl die Szenen bekannt, in denen sowjetische Panzer und Soldaten der demonstrierenden, unbewaffneten Menschenmasse entgegengesetzt wurden. Woanders, wenn auch weniger brutal als in Berlin, kam es ebenfalls zur Gewaltanwendung durch sowjetische Truppen. Es gab unzählige Tote und Verwundete. Für den Bezirk Magdeburg war seine Hauptstadt selbst Brennpunkt der Aufstände. Für die Vorharzregion stellte sich die Lage für die Deutsche Volkspolizei wie folgt dar:

"Im nördlichen Teil des Bezirkes, sowie Wernigerode, Oschersleben und Halberstadt waren am 17. Juni 1953 außer der Arbeitsniederlegung in der Pumpenfabrik Salzwedel sowie im Kreisgebiet Havelberg und Genthin keine größeren Ausschreitungen festzustellen."

Dieses Zitat ist der "Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Magdeburg, Analyse über den faschistischen Putsch am 17. und 18. Juni 1953 im Bezirk Magdeburg" entnommen wurden. Wie in einer Serie aus der Volksstimme von 2003 zu lesen ist, gab es in Wernigerode durchaus Ausschreitungen, die auch den bewaffneten Einsatz sowjetischer Truppen zur Folge hatte. Jedoch sind die Ausmaße dort weitaus geringer einzuschätzen als beispielsweise in Magdeburg. Auch Panzer konnten in Wernigerode beobachtet werden. Es kann daher nicht ausgeschlossen werden, dass diese Panzer aus Halberstadt (Fliegerhorstkaserne) kamen.
   Eine ähnliche Situation, dass also Panzer für einen möglichen Einsatz vorbereitet in den Straßen standen, wird es in Halberstadt auch gegeben haben. Leider liegen hier noch keine weiteren Informationen vor.
   So kann festgestellt werden, dass sowjetische Truppen aus Halberstadt und Umgebung durchaus an der Niederschlagung des Arbeiteraufstandes des 17. Junis 1953 beteiligt waren. Über zahlreiche Niedergeschossene und Schwerverwundete muss glücklicherweise nicht berichtet werden, da es hierzu nicht kam. Für die Vorharzregion musste wohl alleine die Präsenz sowjetischer Truppen ausreichend Wirkung gehabt haben.
   1957 verlegte man das 49.Gardepanzerregiment (GPR) aus Neuruppin nach Halberstadt. Es wurde später in das 197.GPR umbenannt und verblieb bis zum Abzug 1993 in Halberstadt. Für die Vorharzregion spielt dieser Truppenteil während des Volksaufstandes keine wesentliche Rolle, da er erst ca. 4 Jahre später in Halberstadt stationiert war. Dennoch war der Volksaufstand 1953 ein wesentliches Kapitel der Geschichte jenes sowjetischen Truppenteils, für den Halberstadt 36 Jahre Stationierungsort war. Auf Geschichte dieser Einheit wird in den folgenden Abschnitten genauer eingegangen.
   Im Juni 1953 war das 49.GPR noch der 12.Gardepanzerdivision (GPD; unterstellt der 20.Gardearmee) unterstellt. Die 12.GPD lag zu diesem Zeitpunkt vermutlich in Berlin-Karlshorst in Garnison. Ihr eigentlicher Standort war ebenfalls Neuruppin . Verstärkt durch sowjetische Einheiten aus dem Raum Königs-Wusterhausen nahm die 12.GPD - und und mit ihr wohl auch das 49.GPR - aktiv an der Niederschlagung des Volksaufstandes in Berlin teil.
   Für die Politoffiziere des 197.GPR, welches aus dem 49.GPR hervorging, war es sicherlich ein allzuoft verwendetes Thema bei der politischen Ausbildung. Für sie wär es ein erfolgreicher Einsatz gegen die Konterrevolution. Für viele Deutschen war es hingegen ein Ausdruck des absoluten Machtanspruchs der Sowjets. Es sollte bis 1968 dauern, dass sich eine solche Situation wiederholte. Diesmal auf tschechischen Boden und ohne Einsatz der Panzertruppen aus Halberstadt.

6. Sowjetische und russische Nutzungsperiode

Die Dislozierungen bis 1985

In den vorherigen Kapiteln wurde bereits angedeutet, dass die Fliegerhorstkaserne Halberstadt lange Zeit Standort sowjetischer, später russischer Truppen war. Wahrscheinlich waren die grenznahe Lage, die vorhandenen Räumlichkeiten der Fliegerhorstkaserne und ihre entsprechende Infrastruktur Gründe, in Halberstadt Truppenteile und Einheiten der sowjetischen Landstreitkräfte zu anzusiedeln.
   Eine genaue chronologische Darstellung der sowjetischen Stationierungsgeschichte für den Standort Halberstadt gestaltet sich als schwierig, da gerade für die 40er und 50er Jahre die Quellenlage lückenhaft ist. Trotzdem soll es nicht unversucht bleiben, eine Chronologie aufzustellen. Dafür gibt es zwei Vorgehensweisen: Zum einen soll die Fliegerhorstkaserne auf ihre sowjetischen Nutzer untersucht werden. Zum anderen soll die Geschichte einzelner Truppenteile kurz abgehandelt werden, die sich zeitweilig in Halberstadt aufhielten. Dabei wird auch auf den Verbleib in den heutigen russischen Streitkräften eingegangen.
   Wann genau die Stationierungsgeschichte sowjetischer Truppen in der Fliegerhorstkaserne begann, ist ungewiss. Bekannt ist hingegen, dass am Morgen des 1. Juli 1945 sowjetische Truppen die Kontrolle über die zuvor durch englische Truppen verwalteten Gebiete übernahmen. Wo fortan sowjetische Einheiten in Halberstadt stationiert waren ist dem Verfasser nicht bekannt. Die leerstehende Fliegerhorstkaserne bot zumindest günstige Verhältnisse für die Stationierung sowjetischer Truppen.
   Bekannt ist u.a. die Anwesenheit eines sowjetischen Grenzbataillons. Dieses Bataillon, ca. 300 bis 500 Mann stark, hatte vermutlich den Grenzabschnitt zwischen Brocken und der Grenzübergangsstelle Marienborn zu kontrollieren. Etwa bis Mitte/Ende der 50er Jahre lag es in Halberstadt. Es gibt zum einen Hinweise darauf, dass es später nach Dardesheim verlegt wurde , zum anderen ist eine schrittweise Auflösung und/oder Umstrukturierung, bei denen das Personal in ein mechanisiertes Regiment überführt wurde, sehr wahrscheinlich, denn es gibt Informationen darüber, dass das Personal des Grenzbataillons an Panzern ausgebildet wurde. Das Grenzbataillon nutzte wohl 3 Unterkunftsgebäude.
   Ende 1954 wurden im Halberstädter Güterbahnhof verschiedenste Technik entladen. Es konnte beobachtet werden, dass Panzer und weitere Technik sich in Richtung Fliegerhorstkaserne bewegten. Wahrscheinlich wurde hier ein mechanisiertes Regiment einer noch unbekannten sowjetischen Division entladen, was seit dem in der Fliegerhorstkaserne stationiert wurde. Obwohl die Landesverwaltungsschule schon Juli 1954 die Kaserne räumte, herrschte zeitweise akuter Platzmangel in der Kaserne, sodass sowjetische Soldaten in Zelten untergebracht werden mussten. Nach dem Neubau von Gebäuden entschärfte sich die Lage später wieder.
   Alle Fragen, die dieses angebliche mechanisierte Regiment betreffen - genaue Bezeichnung, Unterstellung, Struktur, Zeitpunkt des Abzuges, etc. - bleiben bisher unvollständig beantwortet. Angeblich soll es aus 3 Mot.-Schützenbataillonen, einem Panzerbataillon, einer Artillerieabteilung u.a. bestanden haben. Die Länge des Aufenthalts dieses Truppenteils in der Fliegerhorstkaserne Halberstadt bleibt weiterhin im Dunkeln.
   Am 21. April 1957 traf im Halberstädter Bahnhof ein Militärzug mit Mannschaft und Technik aus Neuruppin ein. Damit beginnt die Stationierungsgeschichte des 49.Gardepanzerregiments (49.GPR, später 197.GPR, Feldpostnummer 60791), das bis zum 21. September 1993 in Halberstadt disloziert war. In den Folgetagen kamen bis zum 7. Mai sechs weitere Militärzüge an. Da seit 1957 noch mindestens 2 weitere Einheiten in der Fliegerhorstkaserne vermutet werden, wird daher nicht ausgeschlossen, dass in dieser Zeit noch andere Einheiten neben dem 49.GPR entladen wurden. Zu diesen vermuteten Einheiten gehören ein Panzerausbildungsbataillon und eine Geschosswerferabteilung, beide wohl der 26.mechanisierten Gardedivision (später 47.Gardepanzerdivision; Stab in Hillersleben) unterstellt. Ob diese Einheiten eventuell doch zum 49.GPR gehörten, bleibt offen. Ebenso ist unbekannt, ob und wann o.g. mechanisierte Regiment, das Panzerausbildungsbataillon und die Raketenwerferabteilung die Fliegerhorstkaserne verließen.
   Die Anwesenheit von zwei Regimentern zu einem gewissen Zeitpunkt - ein Panzerregiment und ein mechanisiertes Regiment - hätte einen hohen Platzbedarf zur Folge gehabt und würde eine hohe Dichte von Kampftechnik in einem Standort bedeuten. Das würde wiederum die damaligen Beobachtungen von ungefähr 200 Panzern erklären. Zum Vergleich: Ein gewöhnliches Panzerregiment besitzt knapp über 90 Kampfpanzer (3 Panzerbataillone). Auch der zuvor angesprochene Platzmangel fände hier eine mögliche Erklärung. Jedoch stellt es sich als schwierig dar, anhand vom reinen Zählen der Technik Rückschlüsse auf die Struktur einer Einheit zu ziehen. Gründe hierfür sind nicht nur beim Menschen bzw. dem Beobachter selbst zu suchen, sondern auch bei den sowjetischen Truppen, die sich nicht so leicht und gerne in die Karten schauen ließen. Auch hätten übende Truppen, die sich zeitweilig in Halberstadt aufhielten, das Bild schnell verfälschen können.
   Die Beobachtung von teilweise mehr als 200 Panzern (die Angaben schwanken erheblich) ließ bei Einigen die Theorie aufkommen, dass die einstigen Untertageanlagen der Junkerswerke unter den Klusbergen, damals mit den Tarnnamen Makrele I und II bezeichnet, als unterirdische Panzerstellflächen dienten. Im Laufe der Jahre seien dort vor allem für Panzer riesige Reservelager entstanden. Bisher gibt es aus jüngster Zeit nur einen einzigen Hinweis, der diese gewagte Theorie stützen könnte: In einem Zeitungsinterview mit dem Kommandeur des 197.GPR gab dieser bekannt, "ihren eigenen 5000 qm großen, unterirdischen Atomführungsbunker versiegelten sie vor dem Abzug für immer mit Beton und Erde, um Neugierige fernzuhalten." Was der russische Offizier mit diesem angeblichen 5000 qm großen Bunker gemeint haben will, ist bis heute unklar. Der Reporter, der dieses Interview am Kontrollpunkt der Fliegerhorstkaserne 1993 durchführte, schloss aber nicht aus, dass es nur 500 qm waren und somit ein Übersetzungsproblem zu Grunde liegt. Diese Angabe würde schon eher den Tatsachen entsprechen, da es im Wald südwestlich der Garnison zwei Bunkeranlagen gibt, die diesem Flächenmaß entsprächen. Auf diese Bunker wird in einem späteren Kapitel genauer eingegangen. Nach Abwägen aller Möglichkeiten kann aber ausgeschlossen werden, dass es eine solche Untertageanlage, welches als unterirtisches Panzerlager o.ä. diente, unter der Kategorie "Märchen und Mythen" ad acta gelegt werden. Ein solches Panzerlager gab es in Halberstadt ebensowenig wie SS-20 Raketen oder Nuklearwaffen. Weder militärische-strategische noch politische Interessen ließen sich hierfür finden.
   Über die Dislozierungen der 60er und 70er Jahre kann nur soviel gesagt werden, dass sich nach wie vor das 49. Gardepanzerregiment, 1976 wohl in 197.GPR umbenannt, in der Fliegerhorstkaserne befand. Erst im Jahre 1985 kam es zu Veränderungen.

Die Dislozierungen von 1985 bis zum Abzug 1993

In der Mitte der 80er Jahre verlegte man die 10.Gardepanzerdivision der GSSD aus dem Raum Krampnitz (nördlich von Potsdam) nach Altengrabow (ca. 40km östlich von Magdeburg). Fortan befanden sich in den Kasernen von Altengrabow der Divisionsstab, dem Stab unterstellte Bataillone, 3 Panzerregimenter, 1 Artillerieregiment, 1 Flugabwehr-raketenregiment - um nur die wichtigen Truppenteile und Einheiten dieser Divisionen zu nennen. Neben der 10.GPD lagen auch weitere Truppen in Altengrabow in Garnison, darunter Truppen der Artillerie und Flugabwehr, Versorungs- und Nachrichteneinheiten, Ausbildungszentren und viele mehr.
   Jede sowjetische bzw. russische Division der Landstreitkräfte besaß ein selbständiges Aufklärungsbataillon, ausgerüstet mit Panzern, Mittel der optischen, Funk- Panzeraufklärung. Das 112.Auklärungsbataillon (AklB) der 10.GPD verlegte man jedoch nicht nach Altengrabow, sondern grenznah nach Halberstadt. Die Feldpostnummer dieser Einheit lautete вч/пп 35094.
   Um für die "Neuankömmlinge" Platz zu schaffen, musste die Artillerieabteilung des 197.GPR ihre Unterkunft verlassen und woanders unterziehen. Nun konnte das 112.AklB ab 1985 das ehemalige Gebäude der Fliegerhorstkommandantur belegen. Ihre Verweildauer in der Fliegerhorstkaserne betrug jedoch nur 5 Jahre. 1990 verlegte man das 112.AklB zur Heimatdivision nach Altengrabow. Heute befindet sich die 10.GPD im russischen Bogutschar.
   Nach den Zwei-Plus-Vier-Verträgen (12. September 1990) wurde vertraglich festgelegt, die sich auf dem Territorium der DDR befindlichen sowjetischen Streitkräfte bis zum 31. August 1994 abzuziehen. Die größte militärische Truppenverlegung zu Friedenszeiten kam so ins Rollen. Eine Streitmacht, die sich über 40 Jahre lang eingeigelt hatte, sollte nun innerhalb 4 Jahre komplett abgezogen werden. Ein logistisches Meisterwerk, was dennoch termingerecht erfüllt werden konnte. Bedenkt man dabei den ungeheuren Zeitdruck und das beschämende Gefühl, "Soldaten im Feindesland" zu sein, ist es z.T. nachvollziehbar, dass dieser Abzug nicht zur Zufriedenheit Aller verlief. So blieben tausende Tonnen von Munition, Müllbergen und andere Altlasten auf dem Territorium der ehemaliegen DDR zurück, deren Beseitigung noch heute einen hohen finanziellen Aufwand bedeutet.
   Im Mai 1992 wurden die ersten Soldaten von Halberstadt abgezogen. Es war das Mot.-Schützenbataillon des 197.GPR, ungefähr 500 Mann stark. Die Technik wurde im Bahnhof Wegeleben verladen und trat dann den weiten Weg in den Moskauer Militärbezirk an.
   Am Dienstagabend, den 21. September 1993, verließen die letzen russischen Soldaten den Standort Halberstadt. Neben einem Großteil der Technik nahm man Geschenke der deutschen Bevölkerung mit. Da die Zukunft für die Soldaten in Russland nicht gerade rosig aussah, wurden ihnen zuvor Geschenke übergeben, darunter Winterbekleidungen und eine Ausrüstung für eine Zahnarztpraxis. Angeblich waren die zukünftigen Quartiere in Russland noch nicht fertig gestellt und so hätte man den Winter in Zelten verbringen müssen, wie es aus einem Artikel der Volksstimme vom 24. September 1993 hervorgeht.
   Und so endete Sang- und klanglos eine fast fünfzigjährige Stationierungsgeschichte sowjetischer und russischer Truppen in Halberstadt. "Sie kamen als Befreier und gingen als Besatzer" - Ein Satz, der den Hintergrund des Abzuges wohl am treffendsten umschreibt. Nach "Werner Hartmann: Zur Geschichte der Garnison Halberstadt und ihre Truppenteile. 1623 - 1994. Band 7. Alliierte Truppen in Halberstadt 1945 - 1993. Nationale Volksarmee der DDR und Bundeswehr bis 1994" und weiteren Quellen kann die Geschichte des 197.Gardepanzerregiments wie folgt zusammengefasst werden (ohne Gewähr):

05.03.1942 Aufstellung der 107.Panzerbrigade in Woronesch, UdSSR
14.06.1942 Umstrukturierung in ein Panzerregiment (49.GPR ?)
1953 Teilnahme an Zerschlagung des Aufstandes des 17.Junis Berlin
1957 Verlegung des 49.GPR nach Halberstadt
1976 Umbenennung in 197.PR
21.09.1993 Abzug der letzten 400 russischen Soldaten aus Halberstadt und Verlegung des 197.PR nach Novo Smolik bei Nishni Nowgorod


   Die vollständige Bezeichnung: Das 197. Rotbanner-Garde-Panzerregiment, das "Wapnjarsko-Warschawskyj", ausgezeichnet mit dem Lenin-, Suworow- und Kutusow-Orden. Diese Bezeichnung im Russischen:

197. гвардейский танковый Вапнярско-Варшавский
ордена Ленина Краснознаменны орденов Суворова
и Кутосова полк
вч/пп 60791
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