Der Magdeburger Truppenübungsplatz



   Nordwestlich von Magdeburg befand sich eines der größten Stationierungsgebiete der GSSD: Die Colbitz-Letzlinger Heide.
   Der Stab und unterstellte Bataillone der 47.Panzerdivision und drei ihrer Regimenter, drei selbständige Brigaden, eine Raketenbrigade, verschiedene Munitions- und Versorgungslager, Ausbildungseinrichtungen und weitere Einheiten hatten in der Colbitz-Letzlinger Heide ihren (Friedens-)Standort.
   Es gab zwei zusammenhängende Gründe, warum die sowjetische Militärführung gesteigertes Interesse an der Colbitz-Letzlinger Heide zeigte. Zum einen war die Staatsgrenze zur BRD - und somit zum NATO-Machtbereich - im Durchschnitt nur 35km entfernt. Also gute Voraussetzungen, um konzentrierte Operationen durchführen zu können. Zum anderen liegt der sogenannte Lüchower Balkon (Landvorsprung der BRD bei Lüchow, der im Grenzverlauf der DDR hinein ragte) in greifbarer Nähe des Magdeburger Truppenübungsplatzes. Der Lüchower Balkon war der ideale Raum für mögliche Gegenmaßnahmen nach einem erfolgten Angriff auf die DDR. Und so diente die Heide einem Gros der Verbände und Einheiten der 3.Stoßarmee (Magdeburg) sowie der 2.Gardepanzerarmee (Fürstenberg) als Aufmarschgebiete. Einen Indiz dafür stellen auch die zahlreichen geschützten (verbunkerten) Nachrichtenzentralen und Führungstellen dar, die eine hohe Stationierungsdichte im Erstfall unterstützten.
   Getreu dem Spruch:

БЕС СВЯЗИ НЕТ УПРАВЛЕНИЯ
БЕС УПРАВЛЕНИЯ НЕТ ПОБЕДЫ
- - -
OHNE NACHRICHTENWESEN KEINE FÜHRUNG
OHNE FÜHRUNG KEIN SIEG


   Im Verteidigungsfall (Krieg) hätte sich also die Situation des Magdeburger Truppenübungsplatzes schlagartig geändert. Die Stationierungsdichte hätte sich aufgrund der Belegung von Aufmarschgebieten stark erhöht.
   So wird deutlich, dass man bei der Betrachtung der Dislozierungen (Stationierungen) immer zwischen Frieden und Mobilmachung/Krieg differenzieren muss.
   Bei der Beschreibung der Standorte wird vorwiegend auf die letzten Stationierungsjahre eingegangen, da hier die Quellenlage eindeutig ist. Es sollen die folgenden Standorte kurz beschrieben werden:

Hillersleben

   Ganz im Süden des TÜP gelegen, befand sich einer der größten Standorte der GSSD. Dabei nutzen die sowjetischen Truppen seit Kriegsende ehemalige Gebäude der Heeresversuchsanstalt Hillerleben, die der Wehrmacht zur Erprobung von Artilleriewaffen und verschiedenen Geschossen diente.
   Nahezu alle ehemaligen Wohn-, Unterkunfts-, Dient- und Stabsgebäude der ehemaligen Heeresversuchsstelle sind von den sowjetischen Streitkräften nachgenutzt und teilweise umgestaltet worden. Die Umgestaltung bezog sich weniger auf große Umbaumaßnahmen als auf die äußere Gestaltung der Gebäude. So wurden viele Gebäude dem bekannten Einheitsgelb unterzogen. Neben Blau war dies eine oft gesehene Außenfarbe an Gebäuden von sowjetischen Kasernen.
   Viele Jahre lang war in Hillersleben die 47.Panzerdivision (47.PD) beheimatet. Außer dem Panzerregiment (197.PR Halberstadt), dem Mot.-Schützenregiment (245.MSR Mahlwinkel) und dem Artillerieregiment (99.AR Mahlwinkel) befanden sich alle Einheiten der Division in Hillersleben:
Auch die KETsch (Verwaltung für den Betrieb und die Unterhaltung von Liegenschaften der GSSD), eine Frühwarnstation der 3.Stoßarmee sowie eine feste Flugabwehrraketenstellung befanden sich in Hillersleben.

Colbitz

   Im Südbereich des Magdeburger Truppenübungsplatzes liegt ein weiterer großer Standort der GSSD. Der Standort Colbitz ist eine reine Neubaukaserne, d.h. es wurden keine Gebäude aus Vorkriegszeiten nachgenutzt.
   Mit großer Sicherheit kann die 49.Flugabwehrraketenbrigade (FRBrig) und unterstellte Abteilungen als Nutzer dieses Standorts genannt werden, da dies aus verschiedensten Stantortlisten hervorgeht. Aufgrund der Größe des Objekts kann angenommen werden, dass sich noch zahlreiche kleinere Truppenteile und Einheiten der 49.FRBrig aber auch anderer Unterstellung in Colbitz befanden. Dazu gehört auch Versorgungstruppenteil (Raketentechnische Basis) für Flugabwehrraketen.
   Eine ihrer FlaRaketenabteilungen lag in Quarmbeck bei Quedlinburg.

Planken

   In Planken war die 185. Artilleriebrigade der 3.Stoßarmee disloziert. Da heute das Objekt von der Bundeswehr als Feldlager und Truppenübungsplatzkommandantur nachgenutzt wird, ist vom ursprünglichen Zustand der sowjetischen Garnison wenig zu erkennen. Viele Gebäude wurden saniert oder abgerissen.

Born

   In Born, am Südwestrand des TÜP, ungefähr auf Höhe der Schießbahnen, befand sich ein auf den ersten Blick unscheinbares Objekt. Im Vergleich zu den umliegenden Garnisonen war Born ein winziger Standort. Nichtsdestotrotz war er von entscheidender Rolle. In Born lag die 448.Raketenbrigade der 3.Stoßarmee (Magdeburg).
   Jede der fünf Landarmeen verfügte über jeweils zwei Raketenbrigaden, eine Landdivision jeweils über eine Raketenabteilung. In direkter Unterstellung des Oberkommandos der GSSD gab es weitere Raketeneinheiten. Somit lag in Born eine von 10 Raketenbrigaden auf Armeeebene.
   Die Dislozierungen in Born im Detail (ungeprüft):
   Das hier genannte Waffensystem verdeutlicht, dass diese Raketenbrigade für den Verschuss konventioneller, vorallem aber auch nuklearer Gefechtsköpfe vorgesehen war.

Staats

   Südlich von Stendal, am Nordrand des TÜP gelegen, befand sich ein weiterer Standort der GSSD. In Staats war eine FlaRaketenbrigade (61.FRBrig der 2.PA) mit zwei ihrer Abteilungen, eine Raketentechnische Basis sowie ein Mot.-Schützenregiment (591.MSR der 207.MSD der 2.PA) disloziert. Obwohl sich in Staats nach gegebener Quellenlage mehr Einheiten als in Colbitz befanden, ist Staats ein wesentlich kleinerer Standort. Die Gründe hierfür sind noch unbekannt.

Der Truppenübungsplatz - magdeburgksy poligon

   Neben den Truppenstationierungen nahm natürlich auch der Truppenübungsplatz, einer der größten auf DDR-Territorium, damals als auch heute eine entscheidende Rolle für die Region ein. Er wird heute durch die Bundeswehr nachgenutzt (Gefechtsübungszentrum).
   Der Truppenübungsplatz wurde vorwiegend durch sowjetische, aber auch durch NVA-Einheiten genutzt. Offiziell hieß er "Magdeburger Truppenübungsplatz" (magdeburgksy poligon bzw. магдебургский полигон ). Er war besonders für Übungen und Manöver auf Regiments und Divisionsebene geeignet. Die Bundeswehr übt nur noch in Bataillonsstärke.
   Die Ausmaße des TÜP sind aussagekräftig genug. Nord-Süd Ausdehnung: 32km. West-Ost Ausdehnung: 11km. Dabei kann man sich den TÜP als einen Pilz vorstellen, wobei der Stiel (Südteil) der Gefechtsausbildung und der Nordteil, also der Pilzkopf, großen Manövern dienten. Bei Großmanövern (z.B. Waffenbrüderschatt-80 etc.) wurde der ganze Platz genutzt, zuzüglich der umliegenden Waldflächen.
   Seit die Bundeswehr den Platz als Gefechtsübungszentrum mit modernster Technik nutzt, wächst der Nordteil des TÜP wieder zu, da die Übungen nur den südlichen Teil in Anspruch nehmen. Und so geschieht was anderswo auch passiert: Aus Wüste wird Wald.

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